Das Ökosystem Montado: Warum Korkwälder zu den artenreichsten Lebensräumen Europas gehören
Die Korkeichenwälder Portugals (Montado) und Spaniens (Dehesa) gehören zu den wichtigsten Ökosystemen Europas. Wenn du Korkprodukte kaufst, schützt du genau diesen Ort. Nicht als Marketingversprechen, sondern als ökologische Realität. Warum das so ist, erfährst du in diesem Artikel.
Was ist der Montado und was macht ihn so besonders?
In Portugal heißt er Montado, in Spanien Dehesa. Gemeint ist dieselbe Landschaft: ein agroforstwirtschaftliches System, das sich über den Südwesten der Iberischen Halbinsel erstreckt und das in dieser Form nirgendwo sonst auf der Welt existiert.
Der Montado ist kein natürlich entstandener Wald. Er ist über Jahrhunderte durch menschliche Nutzung entstanden. Ursprüngliche Stein- und Korkeichenwälder wurden durch extensive Beweidung geöffnet. Es entstanden lichte, halboffene Landschaften, in denen Bäume, Weideflächen und Ackerbau nebeneinander existieren. Diese Kombination ist das Geheimnis seiner außergewöhnlichen Artenvielfalt.
Die Dehesa entstand laut Wikipedia, indem die ursprünglichen Stein- und Korkeichenwälder durch Schafe und Ziegen, später auch durch Rinder beweidet wurden. Die Bäume schützen dabei den Boden, liefern Brennstoffe und Kork, und bieten Futter für Weidetiere. In Portugal bezeichnet das nationale Waldinventar allein 736.775 Hektar als Korkeichenwald. Zusammen mit Spanien, Algerien, Marokko, Tunesien und Frankreich umfassen die mediterranen Korkeichenwälder insgesamt rund 2,3 Millionen Hektar.
Portugal ist dabei das Land mit den größten Montado-Flächen der Welt. Und gleichzeitig auch der größte Korkexporteur der Welt. Die Korkeiche macht 21 % der portugiesischen Waldfläche aus und ist für rund 50 % der weltweiten Korkproduktion verantwortlich. Im Jahr 2011 wurde die Korkeiche schließlich auch zum Nationalbaum Portugals ernannt. Aufgrund ihres kulturellen, ökologischen und wirtschaftlichen Wertes.
Montado Biodiversität: Ein Hotspot der Superlative
Der Montado gilt laut WWF als eines der 35 wichtigsten Ökosysteme der Welt für den Erhalt der biologischen Vielfalt. Er ist im NATURA-2000-Netzwerk gemäß EU-Habitatrichtlinie verzeichnet und zählt zu den 201 Biodiversitäts-Hotspots der UNEP. Im gesamten Mittelmeerraum wachsen bis zu 25.000 verschiedene Pflanzenarten, viermal mehr als im übrigen Europa. Darunter befinden sich 13.000 endemische Pflanzenspezies, also Arten, die ausschließlich in dieser Region vorkommen. Weltweit ist das die zweithöchste Zahl nach dem tropischen Teil der Anden.
Und über 200 Tierarten und 135 Pflanzenarten finden im Montado optimale Lebensbedingungen. Hinzu kommen 24 Reptilien- und Amphibienarten sowie 37 Säugetierarten. Und das alles in einer Landschaft, die auf den ersten Blick schlicht und weit wirkt.
Was den Montado so einzigartig macht, ist die Wechselwirkung zwischen Licht, Boden und menschlicher Bewirtschaftung. Die offenen Baumkronen der Korkeichen lassen genug Sonnenlicht durch, damit am Boden eine artenreiche Krautschicht gedeihen kann. Diese Struktur ist der Schlüssel: Sie schafft eine Vielzahl von Mikrohabitaten auf engstem Raum für Insekten, Vögel, Reptilien und Säugetiere.
Bedrohte Tierarten im Montado: Luchs, Kaiseradler und Kranich
Der Montado ist ein aktiver Lebensraum für bedrohte Tierarten. Wer die lichten Korkeichenwälder durchstreift, bewegt sich durch das letzte bedeutende Rückzugsgebiet einiger der am stärksten bedrohten Tierarten Europas.
Iberische Luchs
Der Iberische Luchs (Lynx pardinus) war einst kurz vor dem Aussterben und zählt heute noch immer zu den gefährdetsten Großkatzenarten der Welt. Sein Bestand hat sich in den letzten Jahren durch intensive Schutzprogramme erholt, doch sein Überleben hängt direkt an der Erhaltung des Montado.
Kaiseradler
Der Spanische Kaiseradler (Aquila adalberti) ist einer der seltensten Greifvögel Europas. Er brütet ausschließlich auf der Iberischen Halbinsel und ist auf die offenen, strukturreichen Landschaften des Montado und der Dehesa angewiesen. Auch Schwarzstorch, Habichtsadler und Mönchsgeier finden hier ihren Lebensraum.
Kranich
Für Zugvögel ist der Montado von unschätzbarem Wert. Über 160 Vogelarten leben hier. Millionen von Zugvögeln nutzen das Gebiet als vorübergehenden Lebensraum. Die Straße von Gibraltar, die das Verbreitungsgebiet des Montado streift, ist neben dem Bosporus und der Straße von Messina einer der drei wichtigsten Zugvogelkorridore zwischen Europa und Afrika. In der spanischen Extremadura überwintern allein über 60.000 Kraniche (Grus grus).
Berberhirsch
In Nordafrika, in den Korkeichenwäldern Tunesiens und Algeriens, lebt zudem der Berberhirsch (Cervus elaphus barbarus), die einzige freilebende Hirschart auf dem afrikanischen Kontinent, die in eng verwandten Ökosystemen zum Montado vorkommt.
Die Dehesa ist darüber hinaus Lebensraum von Theklalerche, Triel, Zwergtrappe und Südlichem Raubwürger. Allesamt Arten, die auf halboffene, extensiv genutzte Kulturlandschaften spezialisiert sind. Der Weißstorch, der in Spanien hauptsächlich in der Extremadura als Brutvogel vorkommt, profitiert ebenfalls von der offenen Vegetation.
Genettkatze
Aber nicht nur der Iberische Luchs lebt in den Korkeichenwäldern. Auch die Genettkatze (Genetta genetta) findet im Ökosystem Montado einen Rückzugsort. Die nachtaktive, katzenartige Schleichkatze, ist ein typischer Bewohner dieser Landschaft. Sie jagt in der Dämmerung entlang der Bachläufe und Felsrippen des Montado. Ebenfalls anzutreffen sind der Iberische Wolf, der Dachs, der Fuchs oder der Iltis.
Pata Negra-Schwein
Und dann ist da noch das Iberische Schwein. Das Tier, das den Montado für viele Menschen kulinarisch verankert. Das Pata Negra-Schwein ernährt sich in freier Natur von den Eicheln der Stein- und Korkeichen, von Gräsern, Wurzeln, Pilzen und Kleintieren. Ohne den Montado kein echter Jamón Ibérico.
Kork als Schutzschild: Warum Nutzung hier Naturschutz bedeutet
Der Montado existiert, weil er wirtschaftlich genutzt wird. Und er überlebt nur, solange diese Nutzung fortbesteht.
Die offene, lichte Waldstruktur des Montado entsteht nicht von allein. Sie ist das Ergebnis jahrhundertelanger Bewirtschaftung durch Korkgewinnung, Beweidung und landwirtschaftlichen Anbau mit Fruchtfolge. Würde niemand mehr Kork ernten, würde die Landschaft zuwachsen und verwildern. Dichtes Unterholz würde das Licht aussperren und mit ihm Hunderte von Arten, die auf genau diese offene, halbschattige Struktur angewiesen sind.
Auch deswegen stehen die Korkeichenwälder laut portugiesischem Gesetz unter Schutz. Das Fällen eines Korkbaums ist ohne Genehmigung verboten. Doch Schutz auf dem Papier reicht nicht. Was den Montado wirklich am Leben erhält, ist sein wirtschaftlicher Wert. Wer Korkprodukte kauft, investiert direkt in den Erhalt eines der bedeutendsten Ökosysteme Europas.








